
… ein Nashorn in Bella Italia. Ein vereinzeltes Nashorn, das nur wenige Menschen bei seiner Ankunft in Europa gesehen hatten, ziert heute die Flaschen eines Weinguts im Piemont – und passt trotzdem verblüffend gut. 1515 zeichnete Albrecht Dürer das Tier rein nach Erzählungen, ganz ohne Vorlage, und traf trotzdem erstaunlich ins Schwarze. Genau diese Mischung aus Fantasie, Mut und Präzision faszinierte Giorgio Rivetti so sehr, dass er Dürers Nashorn zum Markenzeichen von La Spinetta machte. Und auch der Löwe des deutschen Künstlers ziert seit vielen Jahren den edelsten Barolo des Hauses, den Campè. Zwei Tiere, die niemand im Piemont je live und in Farbe gesehen hat, als Sinnbild für ein Weingut, das lieber Neues wagt, als Altbewährtes brav zu verwalten? Damit liegt das Kultweingut La Spinetta bis heute richtig.
Ein Juwel aus dem Piemont
Gegründet wurde La Spinetta 1977 von Giuseppe „Pin“ Rivetti und seiner Frau Lidia in Castagnole delle Lanze, mitten im Piemont. Der Name bedeutet so viel wie „die Spitze des Hügels“ – dort stand die erste Kellerei der Familie. Heute führen die Geschwister Carlo, Bruno, Giorgio und Giovanna das Erbe der Eltern fort, längst unterstützt von der nächsten Generation. Aus einem kleinen Moscato-Betrieb ist ein Weingut mit drei Standorten in Piemont und der Toskana geworden – gefeiert für Barbaresco und Barolo ebenso wie für Barbera, Sangiovese und die wiederentdeckte Weißweinsorte Timorasso. Rund 165 Hektar Reben, drei Generationen Familiengeschichte und ein Name, der längst über die Landesgrenzen hinaus für Qualität und Eigensinn steht.

Vom Traum eines Auswanderers zum Kult im Glas
1890 kehrte Giovanni Rivetti dem Piemont den Rücken und wanderte nach Argentinien aus – im Gepäck den Traum, eines Tages als gemachter Mann heimzukehren und ein eigenes Weingut zu gründen. Reich wurde er in der Fremde tatsächlich, zurückgekommen ist er trotzdem nie. Verwirklicht hat diesen Traum erst eine Generation später sein Sohn Giuseppe, genannt „Pin“, der gemeinsam mit seiner Frau Lidia 1977 in Castagnole delle Lanze, mitten im piemontesischen Hügelland, La Spinetta gründete – benannt nach der Anhöhe, auf der ihre erste Kellerei stand, hoch über den Hügeln von Castagnole delle Lanze.
Den Anfang machte ausgerechnet eine Rebsorte mit schlechtem Ruf: Moscato galt damals als bestenfalls süßer Absacker. Die Rivettis glaubten trotzdem an ihr Potenzial und brachten mit Bricco Quaglia und Biancospino zwei der ersten aus Einzellagen ausgebauten Moscati d’Asti Italiens auf den Markt – ein Befreiungsschlag für eine unterschätzte Traube. 1982 folgte mit der Barbera Cà di Pian der erste Rotwein, 1989 die Cuvée „Pin“, benannt nach dem Vater, die piemontesisches Terroir mit modernen Ideen verband. Es folgte, was heute wie eine logische Karriereleiter aussieht: 1995 der erste Barbaresco, Gallina, 1996 Starderi, 1997 Valeirano, drei Crus, die im Keller identisch behandelt werden, um umso deutlicher zu zeigen, wie unterschiedlich ihre Lagen schmecken. 1998 kam mit dem Bionzo eine Barbera aus jahrhundertealten Reben dazu, 2000 der erste Barolo aus Grinzane Cavour. 2001 wagte die Familie den Sprung in die Toskana und gründete mit der Casanova della Spinetta, 65 Hektar zwischen Pisa und Volterra, ein zweites Standbein für Sangiovese. 2011 übernahm sie das historische Sekthaus Contratto in Canelli, das bis heute klassisch nach der Flaschengärmethode arbeitet und zu den wichtigsten Namen der Appellation Alta Langa zählt. 2018 kamen schließlich Rebflächen für die seltene, lange unterschätzte weiße Sorte Timorasso in den Hügeln von Tortona dazu. Heute bewirtschaftet La Spinetta rund 165 Hektar, gut 100 davon im Piemont, und zählt zu den Weingütern Italiens, die am häufigsten mit den begehrten Tre Bicchieri des Gambero Rosso ausgezeichnet wurden – über dreißig Mal in der Geschichte des Hauses.

Das Geheimnis der Traube
Was sich in fast fünf Jahrzehnten nicht geändert hat, ist die Haltung dahinter. „Es gibt nur ein Geheimnis hinter einem großen Wein: eine außergewöhnliche Traube“, sagt Giorgio Rivetti – und meint damit vor allem den Weinberg, nicht den Keller. La Spinetta setzt auf biologische Bewirtschaftung und ist überzeugt, dass die Weinberge lange vor der eigenen Familie da waren und es, richtig behandelt, auch danach noch sein werden. Im Zentrum stehen alte Rebstöcke, die zwar weniger, dafür konzentrierteren und komplexeren Ertrag liefern, sowie autochthone Sorten, die den jeweiligen Boden verkostbar machen. Im Sommer wird radikal ausgedünnt – die sogenannte grüne Lese –, damit die verbleibenden Trauben die volle Identität ihrer Lage entwickeln können; die Erträge liegen dadurch bewusst niedrig. Wann geerntet wird, entscheidet nicht der Kalender, sondern jahrelange Erfahrung im Weinberg selbst. Es sind dieselben Werte, die schon Pin und Lidia vorlebten: Demut, Respekt vor dem Land – und ein gehöriges Maß Ehrgeiz. Genau diese Mischung ist es, die aus einem einstigen Moscato-Betrieb ein Weingut gemacht hat, dessen Nashorn-Etikett heute in Weinkellern rund um die Welt steht.

Weinvielfalt à la La Spinetta
Kaum ein Weingut deckt eine solche Bandbreite ab wie La Spinetta. Da ist der spritzige, blumige Moscato d’Asti, mit dem einst alles begann – ein Wein für den unbeschwerten Moment. Daneben stehen die Barbera-Weine, allen voran „Pin“, eine der ersten Cuvées, die Barbera mutig mit Nebbiolo kombinierte. Das Herzstück des Sortiments bilden aber die großen Nebbiolo-Weine: die Einzellagen-Barbarescos Gallina, Starderi, Valeirano und Bordini, jeder mit eigenem Charakter, sowie der strukturierte Barolo Campè. Und mit der Erweiterung nach Toskana kamen Sangiovese und Vermentino dazu – ein ganz anderer, mediterraner Ton im Repertoire. Für jeden Anlass der passende Wein, für jeden Geschmack eine Entdeckung.
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